Text Bites #12 – Show, Don’t Tell: Ein gutes Beispiel schlägt jede Erklärung
Vom Rezepttext zum Probierhäppchen
Moin.
Willkommen zu Text Bites. Der Schreib-Snack, der nicht alles erklärt, sondern dir einen Gruß aus der Küche schickt, damit du selbst probieren kannst. Pro Ausgabe gibt’s eine Zutat aus dem Texthandwerk im Snack-Format. Fein dosiert und sofort einsetzbar.
Diese Woche auf dem Teller: Gute Beispiele und warum sie jede Erklärung schlagen.
Oder wie man es auf Englisch besser ausdrücken kann: Show, Don’t Tell.
Man kann ein Gericht bis ins Detail beschreiben. Die Zutaten aufzählen, die Zubereitung erklären, den Geschmack in Worte fassen. Und trotzdem weiß niemand, wie es wirklich schmeckt.
Oder man stellt ein kleines Probierhäppchen hin.
Ein Bissen. Und alles ist klar.
Genauso funktionieren Texte. Viele erklären sehr gründlich, was sie meinen. Was wichtig ist. Wie etwas wirkt. Aber solange nichts gezeigt wird, bleibt alles abstrakt. Der Leser versteht vielleicht den Gedanken, fühlt ihn aber nicht.
Zeit, vom Rezepttext zum Probierhäppchen zu wechseln.
Der Kern
Die Idee hinter Show, Don’t Tell ist simpel: Wirkung entsteht nicht durch Benennen, sondern durch Erleben.
Wer erklärt, sagt dem Leser, was er denken oder fühlen soll. Wer zeigt, gibt ihm etwas Konkretes in die Hand. Eine Handlung, einen Dialog, ein Detail. Etwas, das wirkt, ohne kommentiert zu werden.
Viele Texte erklären aus einem guten Impuls heraus. Man will verständlich sein. Nichts falsch machen. Alles absichern. Das Ergebnis sind Sätze, die korrekt sind, aber flach bleiben. Sie sagen, dass etwas spannend, emotional oder wichtig ist, ohne es spürbar zu machen.
Zeigen bedeutet, einen Schritt zurückzutreten. Nicht alles auszusprechen. Dem Leser zu erlauben, selbst zu erkennen, was gemeint ist. Genau das bleibt hängen.
Formel: Nicht benennen → zeigen → wirken lassen.
Ein gutes Beispiel erledigt die Erklärung gleich mit.
3 Beispiele aus der Praxis
Damit du siehst, wie groß der Unterschied zwischen Erklären und Zeigen ist, hier drei Alltagssituationen, in denen Texte gern benennen, was eigentlich spürbar sein sollte. Und was passiert, wenn man es zeigt.
Nummer 1 – Der entspannte Abend
Vorher:
»Der Abend war total entspannt und wir hatten eine richtig gute Stimmung und die Gespräche waren toll. Alle haben sich wohlgefühlt und es war einfach schön.«
Nachher:
»Wir saßen noch lange am Tisch, lachten und erzählten von früher. Die Gläser waren leer, niemand hatte es eilig. Irgendwann sagte jemand: ›Die nächste Runde geht auf mich, auf die alten Zeiten!‹«
Warum das besser ist:
Der erste Text erklärt die Stimmung. Entspannt, schön, gute Atmosphäre. Man versteht, was gemeint ist, aber man fühlt nichts. Es bleibt eine Behauptung.
Die zweite Version zeigt eine Szene. Niemand sagt, dass es entspannt war, aber man merkt es sofort. Die Wirkung entsteht nicht durch das Wort, sondern durch das Bild im Kopf.
Nummer 2 – Die stressige Woche
Vorher:
»Die Woche war extrem anstrengend und ich war ziemlich gestresst. Es war einfach alles zu viel.«
Nachher:
»Ich habe am Freitagmorgen auf den Bildschirm gestarrt und gemerkt, dass ich seit zehn Minuten dieselbe Mail lese. Der Kaffee war kalt, mein Handy vibrierte schon wieder.«
Warum das besser ist:
Der erste Text benennt einen Zustand. Anstrengend, stressig, zu viel. Das ist korrekt, aber austauschbar. Es könnte jede Woche sein.
Die zweite Version zeigt, wie sich Stress äußert. Konzentrationsverlust, kalter Kaffee, permanente Ablenkung. Der Leser erkennt den Zustand, ohne dass er erklärt wird.
Nummer 3 – Der zuverlässige Kollege
Vorher:
»Er ist sehr zuverlässig und immer hilfsbereit. Auf ihn kann man sich wirklich verlassen.«
Nachher:
»Als wir gemerkt haben, dass die Deadline nicht zu halten ist, war er der Erste, der sagte: ›Ich bleib länger. Sag mir, was ich übernehmen kann.‹«
Warum das besser ist:
Der erste Text vergibt Etiketten. Zuverlässig, hilfsbereit, verlässlich. Das sind große Worte, die wenig zeigen.
Die zweite Version lässt eine Handlung sprechen. Kein Lob, keine Bewertung, nur eine konkrete Situation. Und genau dadurch wird die Eigenschaft glaubwürdig.
Mini-Trick
Wenn du merkst, dass du etwas erklärst, halte kurz inne und frag dich: Woran würde man das erkennen? Nicht abstrakt, sondern konkret.
Woran erkennt man, dass jemand nervös ist? Woran merkt man, dass eine Situation angespannt ist? Woran sieht man, dass etwas gut funktioniert?
Schreib nicht die Eigenschaft auf, sondern das sichtbare Zeichen dafür. Traue deinen Lesern zu, dass sie in der Szene erkennen, was gemeint ist. Oft reicht ein Satz, ein Detail, eine kleine Handlung. So gewinnt dein Text an Lebendigkeit und malt Bilder in die Köpfe der Menschen, die ihn serviert bekommen.
Take Away
Erklärungen sagen dem Leser, was er denken soll. Konkrete Beispiele, lebhafte Beschreibungen und in Text gegossene Bilder geben ihm die Möglichkeit, es selbst zu erleben. Genau das macht Texte kraftvoll.
Wer zeigt, muss weniger behaupten. Wer weniger erklärt, wirkt klarer. Und wer dem Leser ein Probierhäppchen hinstellt, braucht keine lange Zutatenliste mehr.
TELL ME: Wann hast du zuletzt etwas gelesen und gedacht: Zeig mir das doch einfach?
Bereit für mehr als lesen, speichern, vergessen?
Im Mitgliederbereich zeige ich dir alles, was ich über gute Texte, lebendige Geschichten und Strategien auf Substack gelernt habe. Mit echten Zahlen, ungeschönten Einblicken und dem Handwerkszeug aus vielen Jahren an der Tastatur.
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Show don't tell ist so ziemlich der häufigste Rat, den ich als Lektorin "meinen" Autor*innen gebe. Superwichtig! Dennoch finde ich, dass wir diese Regel nicht immer anwenden müssen. Man hört ja oft so Tipps wie: Denk dir deinen Text wie einen Film und beschreibe, was du siehst. Ja, das ist in vielen Szenen hilfreich, aber es hat Gründe, warum wir schreiben und keine Filme machen. Schriftlich ist so viel mehr möglich. Hintergrundinformationen etwa finde ich beschrieben statt gezeigt viel angenehmer. Sie bremsen sonst oft ab oder führen zu Verwirrung. Ich gehe deshalb meist so vor: Alles Vordergründige (die Haupthandlung) zeigen, alles nebendran beschreiben.
Sehr hilfreich. Danke.